Grundsätzlich sind Pferde auf den Temperaturwechsel gut eingestellt – die Natur sorgt dafür, dass die meisten Pferde im Winter einen richtig dicken Pelz bekommen, der bei eisigen Temperaturen ein wichtiger Schutz für die Tiere darstellt. Bereits im Herbst wächst das Unterhaar, welches das dichte, wollartige Winterfell ausmacht.
Das System ist ganz einfach und gleichermaßen ausgeklügelt: Je mehr Haare ein Pferd hat, desto mehr Luft wird zwischen ihnen gefangen. Diese Luftschicht wiederum fungiert wie eine Isolierschicht gegen die Kälte.
Die Muskeln spielen auch eine wichtige Rolle: Sie sind die Heizung, die das Pferd wärmen. Wenn die Temperatur fällt, dann wird die Muskulatur stärker durchblutet und sorgt sogar dafür, dass die Haare sich aufstellen. Auch die Länge des Winterfells ist auf das nasskalte Wetter ausgerichtet – denn es schützt die Pferde vor Regen. Diese Fähigkeit der Pferde nennt man Thermoregulation.
Fellwachstum fordert die Energie
Oftmals füttern Pferdebesitzer im Winter weniger Futter, da die Pferde meist etwas frischer und energiegeladener sind. Dabei sollte jedoch unbedingt beachtet werden, dass die Heizung der Pferde bis zu 75 Prozent der Stoffwechselenergie einfordert. Sprich: Die Pferde benötigen Energie, um sich gegen die Kälte zu behaupten. Das Fellwachstum fordert viel Energie ein, weswegen Pferde während diese Zeit häufig sehr matt sind und teilweise eine geringe Leistungsbereitschaft vorweisen.

Wer ganz sicher gehen möchte, dass das Pferd in dieser Zeit keinen Mangel hat, lässt ein Blutbild anfertigen, um eventuell mit Zusatzfutter über diese Zeit hinweg zu helfen.
Die Wohlfühltemperatur der Pferde
Man sollte nicht den Fehler machen, von sich selbst auf Pferde zu schließen: Wir Menschen habe nicht die Fähigkeit der Thermoregulation, dementsprechend ziehen wir uns schneller dick an. Unsere Pferde brauchen das hingegen nicht – die Wohlführtemperatur der Pferde liegt zwischen fünf und 15 Grad, ungeschorene Pferde brauchen lediglich eine Abschwitzdecke nach getaner Arbeit.
Wenn man die Pferde jedoch geschoren hat, muss man penibel darauf achten, mit Decken für zu wärmen. Die Thermoregulation funktioniert dann nämlich nicht mehr, sodass die Decken das Winterfell ersetzen müssen.
Warum sollte man scheren, wenn die Pferde für sich selbst sorgen können?
Nimmt man dem Pferd das Winterfell weg, so geht die natürliche Heizung verloren. Deswegen sollte man immer ganz genau abwägen und alle Fakten durchgehen, bevor man die Schermaschine ansetzt: Steht das Pferd die meiste Zeit draußen oder wird nur wenig gearbeitet? Dann ist eine Schur nicht unbedingt notwendig. Ein weiterer Vorteil an einem ungeschorenen Pferd ist, dass man sich über das Ein- und Umdecken keine Sorgen machen muss.
Viele Pferdebesitzer schwören bei Starkregen trotzdem auf eine ungefütterte oder leicht gefütterte Regendecke, um die Pferde ein wenig zu unterstützen. Grundsätzlich sollte immer individuell entschieden werden, was für das jeweilige Pferd das Beste ist. Denn es gibt nicht die eine Wahrheit – wie bei fast allen Dingen im Reitsport.

Oftmals herrscht das Vorurteil, dass Menschen, die ihre Pferde scheren, nur zu faul sind um abzuwarten, bis das Pferd wieder trocken ist. Dabei kann man die Pferde, die voll im Training sind, mit einer Schur erleichtern. Wer einmal mit einer dicken Winterjacke Sport gemacht hat, der weiß, weswegen das von Vorteil sein kann.
Denn die Isolierung erfüllt selbstredend auch beim Reiten ihren Zweck, so kann die Körperwärme nicht so schnell nach Außen transportiert werden, wie es bei einem geschorenen Pferd der Fall ist. Auch das lange Trocknen nach dem Training kann zur Unterkühlung führen.
Umso wichtiger ist es, dass man sein Pferd ganz realistisch betrachtet und herausfindet, welches die beste Lösung für das Pferd ist.
Der richtige Zeitpunkt für eine Decke und den Griff zur Schermaschine
Zu frühes Eindecken kann für den Organismus des Pferdes eine enorme Belastung darstellen, denn das frühe Eindecken hindert die Pferde nicht daran, ihr Winterfell zu bekommen – vielmehr geht man das Risiko eines Hitzestaus ein. Der ideale Zeitpunkt des Eindecken ist also dann, wenn das Winterfell fertig gewachsen ist. Das ist dann übrigens auch der richtige Zeitpunkt, um zu scheren, da man so nicht so schnell wieder Nachscheren muss und dann direkt in die Winterdecken-Zeit einsteigen kann.
Doch auch hier muss man ganz individuell von Pferd zu Pferd unterscheiden. Manche schieben ein so dichtes Winterfell, dass sie bereits früher geschoren und eingedeckt werden sollten.

Im Abstand von vier bis acht Wochen scheren die meisten Menschen in der Regel nach, was vor allem vom Wetter, der Haltung, aber auch der Trainingsintensität beeinflusst wird. Spätestens Anfang Februar sollte jedoch die letzte Schur erfolgen, damit sich das Sommerfell richtig entwickeln kann. Hat man jedoch ein altes Pferd oder ein Pferd mit ganz dichtem Fell, kann man auch später noch mit der Schermaschine nachhelfen.
Scheren, oder nicht scheren – das ist hier die Frage
Wie bei allen Dingen in der Reiterwelt ist es gar nicht so einfach, ein klares Fazit zu ziehen. Denn während eine Schur für manche Pferde eine Entlastung sein können, ist sie für andere Pferde unnötig. Auch gibt es unterschiedliche Schermuster, die auf die jeweiligen Bedürfnisse des Pferdes angepasst werden können.
So kann zum Beispiel eine Schur, in der die Beine und Rücken- und Nierenpartie stehengelassen wird, die Pferde im Training entlasten und ihnen trotzdem nicht jeglichen natürlichen Schutz vor der Käte nehmen.
Mehr dazu im Podcast
Du willst wissen, ob pferde.de-Expertin Harriet Jensen ihre Pferde schert und wie sie mit dem Decken Dilemma umgeht? Die Antworten darauf und viele andere Tipps zu den Themen Schur, Winterfell und Pferdedecken gibt sie in dieser Folge von „Pet-Talks: Pferd“. Hör’ direkt rein:
Du kannst den Podcast auch natürlich auf Apple Podcasts, Spotify und Deezer hören.



