Es gibt Tiere, die werden einige Jahrzehnte alt: Elefanten, Adler und Menschen zum Beispiel. Bei anderen spielt sich das Leben innerhalb weniger Monate ab – oder weniger Stunden. Wieder andere können Jahrhunderte lang durchs Meer schwimmen.
Mögliche Gründe für diese extremen Unterschiede erklärt der Evolutionsforscher Alexander Scheuerlein vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung gegenüber der „Welt“. Unter anderem können die Ressourcen der Tiere, ihre Größe, Fruchtbarkeit, Weisheit und die Fähigkeit zum Winterschlaf eine Rolle bei der Alterung spielen.
Widrige Lebensumstände beeinflussen die Lebenserwartung von Tieren
Der Türkise Prachtgrundkärpfling, ein etwa fingerlanger Fisch, hat aufgrund seines natürlichen Umfelds nur wenig Zeit zur Fortpflanzung. Er lebt in Mosambik und Simbabwe, wo er seine Eier in schlammigen Erdlöchern verbuddelt. Diese füllen sich nach der langen Trockenzeit bei heftigen Regenfällen mit Wasser, trocknen aber wenige Wochen später wieder aus.
Das Kinderkriegen muss der Türkise Prachtgrundkärpfling deshalb gut timen: Der Embryo braucht für die Entwicklung sowohl Sauerstoff während der Trockenzeit, als auch Wasser um schlüpfen zu können. Ein Wettlauf mit der Zeit!
Weil Türkise Prachtgrundkärpflinge typische Altersmerkmale zeigen, die denen des Menschen ähneln, nutzen Wissenschaftler sie übrigens, um Altersprozesse zu erforschen. Die Fische werden meist nur vier, höchsten zwölf Monate alt – ein Leben im Zeitraffer.
Welchen Einfluss die Größe auf Lebenserwartung hat
Je kleiner das Tier, desto höher ist meist das „Betriebstempo“ des Körpers: Sie haben einen schnelleren Herzschlag, atmen schneller und müssen mehr Nahrung in Relation zu ihrer Körpergröße essen, um die Energie für diese Geschwindigkeit aufzubringen.
Das schrieb Ilo Hiller von der Texas A&M University schon im Jahr 1983 im Magazin „Young Naturalist“. Dieses Tempo nutzt die kleinen Tierkörper schnell ab – genau wie ein Motor, der ständig 200 Kilometer pro Stunde fahren muss.
Die meisten Insekten werden übrigens nicht älter als ein Jahr. Das liegt auch daran, dass sie den Winter nur als Eier überlegen. Ihre gesamte Lebensspanne spielt sich deshalb zwischen Frühling und Herbst ab.
Das Erwachsenenleben einer Eintagsfliege währt dagegen nur wenige Stunden: Sie kann nicht essen. Ihre einzige Lebensaufgabe: die Fortpflanzung. Bevor Eintagsfliegen schlüpfen, verbringen sie allerdings ein bis zwei Jahre im Larvenstadium.
Steinalt werden im Vergleich dazu Bienen- und Ameisenköniginnen: Sie erreichen ein Alter von bis zu fünf (Bienen) und 25 Jahren (Ameisen). Pauschalisieren kann man die Regel „je kleiner, desto kürzer das Leben“ also nicht.
Weise Großeltern – auch im Tierreich
Ob Tiere älter werden, hängt auch davon ab, ob sie in ihrem Leben einen Schatz aus Erfahrungen sammeln – und daraus lernen. Bei uns Menschen ist es schließlich auch normal, dass Ältere Jüngere vor gefährlichen Situationen warnen oder Dinge beibringen, die das Überleben sichern.
Ähnliches beobachten Forscher auch in der Tierwelt: Elefantenomas könnten zum Beispiel das Überleben der ganzen Gruppe retten, indem sie sich an versteckte Wasserstellen erinnern, zu denen sie selbst vor Jahrzehnten in misslichen Lagen geführt wurden. Sie können der Gruppe auch zeigen, welche Pflanzen unbedenklich sind, wenn die Wurzeln, Blätter und Gräser, die die normalerweise essen, knapp werden.

Wie wichtig Elefantenomas für die Herde sind, verdeutlicht diese Zahl: Die Chance, dass Babyelefanten das Erwachsenenalter erreichen, ist in Gruppen mit Großmüttern zehnmal größer als ohne Oma. Das fand die US-Forscherin Cynthia Moss heraus.
Auch bei Orcas zeigt sich die wichtige Rolle der Großmütter: So bringen Orca-Omas ihren Enkeln beispielsweise bei, wie sie sich gegen Haie verteidigen oder Fischschwärme erbeuten.
Diese Tiere können ein Leben lang Kinder bekommen
Wie unterschiedlich Tiere altern, verdeutlicht auch ein Blick auf die Geschlechtsreife: Bei den meisten Säugetieren nimmt die Zahl der produzierten Eier mit den Lebensjahren ab. Nicht so bei Schildkröten und Krokodilen: Diese legen im Alter sogar häufig mehr Eier als in jungen Jahren. Der Steppenpavian wiederum kann sein Leben lang Nachwuchs hervorbringen – egal wie alt oder jung er ist.
Erst nach und nach erfahren die Forscher des Max-Planck-Instituts mehr die Entwicklungsstadien und die maximale Lebenserwartung verschiedener Tierarten. Eine neue Datenbank soll die Erkenntnisse bündeln: Dort sammeln die Forscher die Werte zahlreicher Spezies.
Beim Winterschlaf Energie sparen
Kürzlich haben Alexander Scheuerlein und seine Kollegen herausgefunden: Bechsteinfledermäuse altern nicht. Die kleinen Fledermäuse können bis zu 21 Jahre alt werden – wesentlich älter als andere Säugetiere vergleichbarer Größe.
Ein Grund könnte den Forschern zufolge der Winterschlaf sein. Dabei setzen Fledermäuse ihre Körpertemperatur auf zwei bis zehn Grad Celsius herab, der Stoffwechsel fährt dann extrem herunter. Dadurch könnten molekulare Schäden verringert und das Altern verlangsamt werden.

Umso empfindlicher würden die Fledermäuse aber auf ungewöhnliche Naturereignisse reagieren. So stellen beispielsweise Naturkatastrophen eine große Gefahr für die Tiere dar.
Ältestes Wirbeltier der Welt ist fast 400 Jahre alt
Auch der Grönlandhai verdankt seine hohe Lebenserwartung vermutlich einem Leben auf Sparflamme: Er fühlt sich bei Wassertemperaturen um die sechs Grad am wohlsten. Durch die Kälte reifen und altern die Tiere sehr langsam. Geschlechtsreif sind weibliche Grönlandhaie erst mit einem stolzen Alter von 150 Jahren.
Die Forscher beobachteten ein Exemplar, das fast 400 Jahre alt ist: Das macht den Grönlandhai zum ältesten bekannten Wirbeltier, wie sie im Fachmagazin „Science“ feststellen. Ein weiterer Bonus ist die Größe der Grönlandhaie. Dadurch haben sie weniger natürliche Feinde als beispielsweise kleine Fische wie der Türkise Prachtgrundkärpfling.
„Ein kleineres Tier lebt also gefährlicher und sollte sich darauf konzentrieren, möglichst früh möglichst viele Nachkommen zu haben“, erklärt Scheuerlein gegenüber dem „Tagesspiegel“. „Ein sehr großes Tier sollte dagegen seine Ressourcen eher in ein langes Leben investieren.“
Das Altern bleibt ein großes Rätsel der Biologie
Viele Fragen zum Thema Lebenserwartung können die Forscher aber noch immer nicht beantworten. Beispielsweise ist die Annahme, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben mit dem Alter steigt, bei einigen Tierarten widerlegt: Bei der Wüstenschildkröte beispielsweise nimmt sie mit dem Alter sogar ab.



