Achtung: In diesem Text geht es um Themen wie Tierquälerei, Tötung von Tieren und Tierleid im Detail. Auch die Fotos können verstörend sein. Wir zeigen keine Fotos von toten Tieren. Sollten Dir diese Themen zu nahe gehen, empfehlen wir Dir, diesen Text gar nicht oder nicht alleine zu lesen.
Es gab eine Zeit, da galt das Tragen von Pelz als gesellschaftlich geächtet. Die großen Modemarken verabschiedeten sich größtenteils vom Echtfell, „Peta“ demonstrierte weltweit, und Kampagnen wie „Lieber nackt als im Pelz“ prägten das öffentliche Bewusstsein über Jahrzehnte hinweg.
Doch diese klare Haltung scheint zu bröckeln: Pelz ist zurück – nicht nur auf Laufstegen, sondern auch auf Flohmärkten, in Vintage-Stores und in viralen TikTok-Videos. Während Designer die Rückkehr des Pelzes als „Comeback eines Klassikers“ feiern, zahlen Tiere einen hohen Preis – und das oft unbemerkt.
„Mob-Wife“-Trend und die neue Lust auf Pelz
Treiber dieses Trends ist vor allem ein Phänomen, das auf Social-Media-Plattformen Verbreitung findet: die sogenannte „Mob Wife Aesthetic“. Inspiriert von Serien wie „Die Sopranos“ oder klassischen Mafia-Filmen, inszenieren sich junge Frauen in übergroßen Fellmänteln, Smokey Eyes, dicken Goldreifen und provokantem Lippenstift – eine Hommage an das exzessive, unnahbare Frauenbild der 90er-Jahre. Der Pelzmantel ist in diesem Bild nicht nur Accessoire, sondern Ausdruck von Status, Rebellion, Luxus.
Dass viele dieser Pelze Second Hand sind – gekauft auf dem Flohmarkt oder geerbt von der Großmutter – ändert am Gesamtbild wenig: Das Tragen von Pelz wird wieder sichtbar, wieder salonfähig. Und genau das ist das Problem.
„Solange Pelz nicht verpönt ist, sollten wir gar nicht mit Pelz herumlaufen – egal, ob er fake ist oder nicht – weil es falsche Signale sendet“, erklärt Tierschutzaktivist Aljosha Muttardi. Er fordert, dass das Tragen von Pelz gesellschaftlich „peinlich“ werden muss – in jeder Form.
Second Hand: besser als neu, aber nicht ohne Risiko
Viele Menschen sehen Second-Hand-Pelz als nachhaltige Alternative zum Neukauf. Und ja – aus rein ökologischer Sicht ist es besser, ein altes Kleidungsstück weiter zu nutzen, als es wegzuwerfen und Neues zu produzieren. Doch im Fall von Pelz ist der Kontext entscheidend. Denn das Tragen von echtem Fell – selbst wenn es Jahrzehnte alt ist – suggeriert, dass Pelz ein legitimes modisches Mittel sei. Und: Der Betrachter sieht dem Pelz seine Herkunft nicht an. Was kommuniziert wird, ist der Eindruck, dass Pelztragen nun wieder in Ordnung und vollkommen selbstverständlich sei.
Studien und Berichte, etwa von „Vier Pfoten“, zeigen: Sichtbarkeit erzeugt Nachfrage. Die Sorge ist groß, dass jüngere Menschen, inspiriert von Vintage-Looks und Star-Vorbildern wie Sabrina Carpenter oder Shirin David, wieder beginnen, neuen Pelz zu kaufen – mit katastrophalen Folgen für die Tiere.
Nerze im Drahtkäfig: Die grausame Realität der Pelzproduktion
Die Pelzindustrie lebt von der Unsichtbarkeit ihres Leids. Was als luxuriöser Kragen oder glänzender Mantel endet, beginnt für Millionen Tiere in winzigen, verdreckten Drahtkäfigen. Besonders Nerze, eine der am häufigsten gezüchteten Arten für die Pelzgewinnung, leiden extrem unter den Haltungsbedingungen.
Ein Nerz ist ein Wildtier. In der Natur durchstreifen diese Tiere kilometerweit ihr Revier, schwimmen täglich, klettern, jagen. Auf Pelzfarmen hingegen werden sie in Käfigen gehalten, die oft nicht größer als ein DIN-A4-Blatt sind – kein Platz für Bewegung, kein Wasser zum Schwimmen, keine Rückzugsorte.

Die Böden der Käfige bestehen meist aus Drahtgittern – darunter sammeln sich Kot, Futterreste und Urin. Die Tiere verletzen sich regelmäßig an den scharfen Kanten, viele zeigen schwere Verhaltensstörungen: Von stereotypem Hin- und Herlaufen über Selbstverstümmelung hin zu Kannibalismus.
In den Niederlanden, bis vor wenigen Jahren noch einer der größten Nerzproduzenten weltweit, wurde 2020 aufgrund einer Corona-Mutation eine Massenkeulung angeordnet – Millionen Tiere wurden in wenigen Wochen getötet. Doch das Geschäft ist längst nicht tot: In Ländern wie Griechenland, Finnland oder China floriert die Pelztierzucht weiter – und füttert den internationalen Markt.

Erst im vergangenen Jahr retteten Tierschützer erneut Polarfüchse aus einer Pelzfarm in Polen. Einige Länder gehen mit positivem Beispiel voran und wollen die Pelzfarmen gesetzlich verbieten, doch der Tierschutz schreitet nur langsam voran.
Deutschland hat 2007 die letzte Pelztierfarm geschlossen. Das heißt jedoch nicht, dass hier keine Pelze mehr verkauft oder getragen werden. Import ist weiter möglich – und kontrolliert wird selten. Wer heute im Vintage-Laden einen Nerz kauft, kann sich zwar damit trösten, dass für dieses Stück kein neues Tier sterben musste – doch das System dahinter bleibt bestehen.

Kunstpelz: Die ethischere und saubere Alternative?
Leider auch nicht ganz. Viele Kunstpelze bestehen aus synthetischen Fasern, meist Polyester oder Acryl, die aus Erdöl hergestellt werden. Diese Fasern sind nicht biologisch abbaubar und tragen zum Problem von Mikroplastik in der Umwelt bei. Besonders problematisch: Beim Waschen lösen sich winzige Fasern, die über das Abwasser in Flüsse und Meere gelangen. Recycling ist kaum möglich. Auch hier stellt sich die Frage: Warum überhaupt Fell?
Und: Immer wieder wird bekannt, dass sich hinter vermeintlichem Kunstpelz in Wirklichkeit echter Pelz verbirgt. Denn entgegen der verbreiteten Annahme, ist dieser oft günstiger in der Herstellung als Kunstpelz. Wie Aufdeckungen immer wieder verdeutlichen, wird die Herkunft des Pelzes verschleiert, indem Echtpelz zum Beispiel als Kunstpelz deklariert wird. Erst kürzlich gab es in Australien einen Aufschrei. Denn dort wurde Katzenfell, fälschlicherweise ausgewiesen als Wolle, verkauft.
Weder Echt- noch Kunstpelz stellen eine unproblematische Lösung dar. So bleibt eine einfache, aber klare Konsequenz: Vielleicht ist es an der Zeit, auf das Tragen von Fell – ganz gleich welcher Herkunft – grundsätzlich zu verzichten. Denn Mode kann auch ohne Tierleid, ohne Mikroplastik und ohne fragwürdige Statements funktionieren.
Übrigens: Falls Du bei Dir zuhause bereits vorhandenen Pelz hast – zum Beispiel als Erbstück, kannst Du ihn zum Beispiel mit tierverträglicher Farbe unbrauchbar machen und an bedürftige Menschen oder Tierheime spenden.
Abschied vom Fell: eine Chance
Der kommende Winter wird zeigen, ob die Gesellschaft aus der Vergangenheit gelernt hat. Bleibt es bei einem kurzlebigen Trend oder wird Pelz wieder fester Bestandteil der Garderobe?
Die Verantwortung liegt bei uns allen: Tragen wir, was wir wollen – aber nicht um jeden Preis. Nicht auf Kosten von Lebewesen, deren Leben in Drahtkäfigen endet, nur damit wir uns für ein paar Monate extravagant fühlen können.



