HomeHundeLol und Watson: Wie Hunde Opfern im Gerichtssaal Mut schenken

Lol und Watson: Wie Hunde Opfern im Gerichtssaal Mut schenken

In ihrer Freizeit gehen die beiden Hunde namens Lol und Watson gerne spazieren, verspeisen ihre Lieblingsleckerchen oder Kuscheln auf dem Sofa. Doch bevor die beiden Fellnasen den Feierabend einläuten können, haben sie eine wichtige Aufgabe. Was die beiden Hunde hauptberuflich machen, erfährst Du jetzt.

Der fünfjährige Labrador Rüde Lol aus dem Südwesten Frankreichs und der Stuttgarter Golden Retriever Watson sind sich noch nie begegnet. Dennoch verbindet die beiden Vierbeiner eines: Ihre ganz besondere Aufgabe. Seit 2017 begleitet Lol Opfer von Straftaten, insbesondere von sexuellem Missbrauch oder Gewalt, vor Gericht und unterstützt diese bei ihrer Aussage, indem er sie begleitet und beruhigt.

An der Seite von Staatsanwalt Frédéric Almendros wird Lol immer dann dazu gerufen, wenn der Staatsanwalt überzeugt ist, dass der Vierbeiner in einer bestimmten Situation hilfreich sein könnte. 

Therapiebegleithunde geben Überlebenden bei Aussagen Kraft

Auch Watson hat bereits einigen Opfern und Zeugen von Straftaten bei ihrer Aussage beiseite gestanden. Der dreijährige Rüde ist bei „PräventSozial“ als Mutmacher „angestellt“, einem gemeinnützigen Verein der Bewährungshilfe Stuttgart, der seit einiger Zeit auch psychosoziale Prozessbegleitung leistet.

Hier klicken, um den Inhalt von Instagram anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Instagram.

„Wir haben bereits vor 20 Jahren erkannt, dass bestimmte Personen im Rahmen eines Gerichtsverfahrens unterstützt werden müssen“, sagt Matthias Merz, Richter am Oberlandesgericht, gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“. Die Prozessbegleitung laufe seit Jahren höchst erfolgreich, was bereits an einigen Fällen vor Gericht sichtbar wurde, so Merz. Zuvor wurde Watson rund zwölf Monate zum Therapiebegleithund ausgebildet.

Das machen die Hunde vor Gericht

Egal, wie angespannt eine Situation vor Gericht ist – Lol weiß genau was er sagen muss – indem er nichts sagt. Er schmiegt sich an die Person an, die allein durch seine Nähe beruhigt wird. Auch Streicheleinheiten helfen den Betroffenen dabei, den Tathergang besser zu schildern und sich an Details zu erinnern. Die Hunde sitzen oder liegen dabei meist neben den Zeugen – vorausgesetzt, sie wünschen das. 

Watson ist ausgebildeter Rettungshund und hat dann zum Therapiebegleithund umgeschult. Dabei hilft er den Betroffenen als Stütze und Ankerpunkt. Seine Rasse – Golden Retriever – bringt dafür ideale Voraussetzungen. Denn neben einem ausgeprägten will to please (das heißt Bedürfnis, seinen Menschen gefallen zu wollen) sowie der Menschenbezogenheit bringt Watson Ruhe, Ausgeglichenheit und ein soziales sowie emotional intelligentes Wesen mit.

Der Vierbeiner nehme Spannung und Entspannung bei Menschen sehr gut wahr, ist sensibel und einfühlsam. Er bringt eine starke Impulskontrollle beziehungsweise Frustrationstoleranz mit und ist stressresistent. So kann er seinen Schützlingen gut Vertrauen und Stabilität bieten. Neben seiner Tätigkeit als Gerichtsbegleithund arbeitetet Watson mit Kindern in einem Frauenhaus.

Golden Retriever
Foto: unsplash.com/Olivier Amyot (Symbolfoto)

Gerichtshunde sind emotionale Stützen

Besteht eine Grundaffinität zu Hunden, können durch Streicheleinheiten der Botenstoff Serotonin und das sogenannte „Kuschel-“ oder auch „Liebeshormon“, Oxytocin, beim Menschen ausgeschüttet werden. Dies führt zur Entspannung und kann Zeugen vor Gericht helfen, in stressigen und emotionalen Situationen eine klare Aussage zu machen.

„Der Ansatz von den Vernehmungsbegleithunden von unserem ‚Mutmacher‘-Projekt ist der, dass die Hunde stressmindernd, angstreduzierend und beruhigend wirken sollen“, erklärt Sozialarbeiterin und Hundeführerin Sabine Kubinski.

Denn das Traumatische durch das Erinnern erneut zu durchleben und es vor fremden Menschen im Gerichtssaal zu offenbaren, ist meist eine große Belastung für die Betroffenen.

Fachanwältin für Familienrecht Melanie Scheuermann vertritt nicht nur Kindern, die unter Scheidungen, Misshandlungen oder sexuellem Missbrauch leiden, sie nimmt auch ihre Bulldogge Bongo mit ins Gericht, berichtet die „Bild”. „Diese Kinder sind oft traumatisiert, wurden manipuliert oder bedroht und wagen oder können nicht die Wahrheit sagen”, so Scheuermann. Bongo steht ihnen bei den schwierigen Befragungen treu zur Seite, kuschelt sie und gibt ihnen Halt und Mut, damit sie sich trauen, sich zu öffnen.

Schwarzer Labrador sitzt vor Gebäude
Foto: pexels.com/Genadi Yakovlev (Symbolfoto)

Durch den Einsatz eines Therapiebegleithundes wolle man einen neuen Bezugsrahmen schaffen, der es ermögliche, über den eingesetzten Hund als sozialen Vermittler eine Brücke zum Hilfebedürftigen aufzubauen, heißt es von „PräventSozial“.

Gesetzesänderung garantiert professionelle Betreuung während des gesamten Strafverfahrens

Seit 2017 haben besonders schutzbedürftige Verletzte einen Anspruch auf professionelle Betreuung während des gesamten Strafverfahrens. Besonders junge Opfer von Gewalt- und Sexualstraftaten tragen häufig schwere seelische Belastungen davon und erleben ein tiefes Misstrauen gegenüber Bezugspersonen. Um diese Betroffenen während Gerichtsverfahren zu unterstützen, können Hunde wie Watson als Eisbrecher fungieren, um einen Zugang zu den Betroffenen herzustellen.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Ein Anbieter wie „PräventSozial“ unterstützt unter anderem Betroffene durch psychosoziale Prozessbegleitung. Auch auf Landesebene wird solche Hilfe gefördert: So stellt das Justizministerium Baden-Württemberg jährlich 75.000  Euro zur Verfügung.

Dennoch sieht die Politik weiteren Handlungsbedarf. Nach einem bekannten Fall, bei dem ein Angeklagter seinen Stiefvater schwer verletzen wollte, wurde deutlich, dass Angehörige – in diesem Fall die Mutter des Täters – bislang keinen Anspruch auf psychosoziale Begleitung haben, wenn es bei einem versuchten Tötungsdelikt bleibt. Um solche Lücken zu schließen, sollen bestehende Regelungen angepasst werden.

Auch bei der Therapie von Tätern helfen Hunde

Und die Mutmacher auf vier Pfoten wie der Schäferhund Al Capone helfen auch bei der Therapie und Resozialisierung von Gewalt- und Sexualstraftätern. In einem Gruppenangebot in der JVA Heimsheim und punktuell bei hundegestützten Einsätzen im Fachbereich Forensische Ambulanz werden die Fellnasen eingesetzt. Durch den Umgang mit den Hunden sollen sie lernen, ihre pro-sozialen Fähigkeiten auszubauen und Strategien zur Konfliktbewältigung zu entwickeln, erklärt die „Bewährungs- und Gerichtshilfe Baden-Württemberg“ in Bezug auf ein erfolgreiches Pilotprojekt.

Außerdem sind Watson und seine Kollegen bei der Kriminalprävention aktiv. So helfen sie zum Beispiel an Schulen, damit aggressive und gewaltbereite Kinder und Jugendliche, ihre Konflikte anders zu lösen. Oft haben die Kinder selbst Gewalt erfahren und müssen lernen, ihre Emotionen zu regulieren und Selbstvertrauen aufzubauen. Die Hunde ihnen helfen dabei.

Die hundegestützte Arbeit von „PräventSozial“ finanziert sich durch Spenden. Wenn Du Watson und seinen Kolleginnen und Kollegen gerne unterstützen möchtest, kannst Du das über dieses Onlineformular tun. Wer Interesse hat, Fördermitglied des Projekts werden, kann die Fördervereinbarung (rechts unter Downloads) per Post oder E-Mail versenden. 

Neueste Artikel

Dein Hund hat Schokolade gefressen? Das musst Du tun!

Wichtig ist in jedem Fall: Schnell handeln. Eine Schokoladenvergiftung bei Hunden ist ein echter Notfall, der umgehend von einem...

Ähnliche Artikel