Haben wir Menschen das Warten verlernt? Zumindest seit der Erfindung des Smartphones scheint es so: Beim Warten in der Supermarktschlange oder an der Bushaltestelle wird nämlich schnell das Handy gezückt, wenn es mal zwei Minuten länger dauert.
Wie sieht es dagegen in Sachen Geduld und Gelassenheit bei Tieren aus? Sind sie besser im Warten als wir – so ganz ohne Zeitdruck? Experten sehen tatsächlich verschiedene Faktoren, die die Gelassenheit von Tieren beeinflussen könnten.
Gelassenheit lässt sich trainieren
Die „Eulenflüsterin“ Tanja Brandt hat als Tierfotografin schon einige tierische Models vor der Linse gehabt. Dabei haben alle – vom Greifvogel über die Eule bis hin zum Hund – geduldig gewartet, bis sie den Auslöser gedrückt hat. Dabei hänge die Gelassenheit der Tiere aber vor allem vom Training ab, sagt sie.
„Ich könnte natürlich auch zum Füttern kommen und rufen: ‚Hey, Jungs, es gibt Essen!‘ Dann würden die wie die Bekloppten durch die Küche rasen“, zitiert die „Zeit“. Stattdessen erziehe sie ihre Tiere mit einer ruhigen Stimme zu mehr Gelassenheit. Sogar bei Vögeln sorge die Ausstrahlung von Ruhe und Sicherheit für mehr Gelassenheit.

Routine ist auch für Tiere wichtig
Ob Tiere gelassen warten oder nicht, hängt dem Verhaltensbiologen Norbert Sachser zufolge auch von Routinen ab. Sobald sich die tägliche Routine verändere, gehe vermutlich auch die Gelassenheit flöten. Ihm zufolge lässt sich eine enttäuschte Erwartungshaltung sogar an einem Anstieg der Cortisol-Konzentration im Blut ablesen.
Ein dritter Einflussfaktor für mehr oder weniger ausgeprägte Gelassenheit? Der Stoffwechsel. „Vampirfledermäuse werden sehr schnell unter Stress kommen, weil ihr Leben davon abhängen kann, ob sie in der Nacht ein Opfer finden. Löwen mit ihrem langsamen Stoffwechsel überleben hingegen locker ein paar Tage bis Wochen, eine Schlange schafft sogar Monate“, erklärt der Biologe Karsten Brensing.
Sind Tiere und Menschen vielleicht ähnlich geduldig?
Doch sind Tiere geduldiger als Menschen – und warten entsprechend besser als wir? Einige Aufschlüsse darüber kann eine Studie von 2009 liefern. Unter dem Titel „Sind Menschen wirklich geduldiger als andere Tiere?“ untersuchte ein Forscher-Team der Washington University in St. Louis, Missouri, ob sich Menschen und Tiere unterschiedlich für bestimmte Belohnungen entscheiden.

In drei Experimenten konnten durstige Menschen wählen, ob sie nach kürzerer Wartezeit eine kleinere Menge oder nach längerer Wartezeit eine größere Menge trinken wollen. Das Ergebnis: Unter diesen Bedingungen ignorierten die Menschen, wie Tiere, den Wert der späteren Belohnung. Allerdings hatte dieser Wert bei ihnen noch einen größeren Effekt als bei Menschen.
Die Forscher schließen daraus, dass es weniger starke Unterschiede in der Einschätzung der zukünftigen Konsequenzen ihrer Entscheidungen zwischen Menschen und Tieren geben könnte, als bislang angenommen. Allerdings gebe es natürlich trotzdem Unterschiede darin, wie Menschen und Tiere Entscheidungen treffen.
Wie gut Tiere warten, hängt auch vom Charakter ab
Und Vorsicht: Tierisches Verhalten, dass aus menschlicher Sicht gelassen wirkt, kann in Wahrheit das komplette Gegenteil ausdrücken. So verfallen etwa viele Tiere in Schockstarre, wenn sie Bedrohung wahrnehmen. Was auf den ersten Blick wie Ruhe aussieht, tarnt also vielleicht nur Todesangst.
Und natürlich bleibt ein entscheidender Faktor in Sachen Gelassenheit der individuelle Charakter – beim Tier wie beim Menschen. Je nach Temperament können schließlich auch wie Menschen unterschiedlich geduldig sein.



