„Historisch gesehen gelten Katzen oft als unsoziale Einzelgänger, die keine Gesellschaft brauchen und lieber alleine sind“, kritisiert die Tiermedizin-Professorin Sharon L. Crowell-Davis in ihrem Buch „Cat Behaviour: Social Organization, Communication And Development“. „Obwohl die aktuelle Forschung zeigt, dass freilebende Katzen enge Beziehungen mit Artgenossen eingehen und verschiedene soziale Bindungen eingehen, ist diese Idee in der Trivialliteratur noch weit verbreitet.“
Sind Katzen Einzelgänger?
Die sozialen Beziehungen, die freilebende Katzen eingehen, sind aber durchaus unterschiedlich. „In Studien mit verwilderten Hauskatzen ist von Einzelgängern, Weiberfreundschaften, Katerguppen, Harems oder festen Paaren die Rede“, sagt DeineTierwelt-Katzenexpertin Christina Wolf in der aktuellen Podcast-Folge von „Pet-Talks: Katze“. Fakultativ sozial nennt man dieses Sozialverhalten.
Das bedeutet: Katzen können in Gruppen zusammenleben – einige bevorzugen das – aber sie sind für das Überleben nicht auf Artgenossen angewiesen. Katzen jagen alleine, können ihren Nachwuchs alleine aufziehen.
„Katzen brauchen nicht so intensiven Kontakt, wie das ein Hund braucht“, sagt Tierärztin Franziska Kuhne im Interview mit der „Gießener Allgemeinen Zeitung“. „Hunde sind obligat-sozial, das heißt, sie sind es gewöhnt oder darauf angewiesen, in einer Gruppe zu leben. Aber, daher das Fakultative, Katzen können sich daran gewöhnen, mit dem Menschen 24 Stunden zusammenzuleben, wenn sie von Anfang an so aufwachsen.“

Forscher vergleichen: Haben Einzelkatzen mehr Stress?
Ein Beleg dafür, dass Katzen in verschiedenen Sozialgefügen zurechtkommen, liefert auch eine Studie von 2013, die in dem Wissenschafts-Journal „Psychologe & Behavior“ erschienen ist. Die Forscher verglichen das Stresslevel von Katzen, die ohne Artgenossen in einem Hauhalt leben, mit Katzen, die mit zwei bis vier anderen Katzen zusammenleben.
Das Ergebnis: Einzelkatzen erleben genauso viel Stress wie Katzen aus Mehrkatzenhaushalten. „Andere Umwelteinflüsse, zum Beispiel die Beziehung zu Menschen oder die Verfügbarkeit von Ressourcen, könnten eine wichtigere Rolle für das Erregungslevel von Katzen spielen als die Anzahl von Artgenossen im Haushalt“, folgern die Wissenschaftler.
Aber – auch wenn Katzen alleine klarkommen – sollte sich die artgerechte Katzen-Haltung nicht an den natürlichen Verhaltensweisen der Miezen orientieren? Dort leben Katzen nämlich in den verschiedensten Sozialgefügen zusammen.
Katzen müssen die Katzensprache lernen
Freigängerkatzen treffen, auch wenn sie alleine in einem Haushalt leben, auf ihren Streifzügen durch die Nachbarschaft andere Katzen, mit denen sie Kommunizieren können, wenn sie das Bedürfnis dafür haben.
Bei Katzen, die in der Wohnung leben, fällt dieser Kontakt weg. Ob sie auf Artgenossen treffen, entscheidet – anders als in der Natur – der Zweibeiner im Haushalt.
Ob eine Katze die Nähe zu Artgenossen sucht und gesellig wird, entscheidet sich in der Kittenzeit. „Das hat in erster Linie damit zu tun, welche Früherfahrungen sie als Katzenwelpe mit anderen Katzen gemacht hat und welche angeborenen Anlagen sie mitbringt“, heißt es in einer Broschüre des „Deutsche Tierschutzbundes“.
Wenn Kitten in dieser Zeit keinen Kontakt zu anderen Katzen haben, können sie später problematisches Sozialverhalten an den Tag legen. „Katzen haben ein sehr kurzes Zeitfenster in den ersten Lebenswochen, in denen sie den Großteil ihres Sozialverhaltens lernen. In dieser Phase lernen sie die Katzensprache“, sagt Ingrid Johnson von der „International Association of Animal Behavior Consultants“.

Wenn die Katze alleine aufwächst: Wie ein in seinem Zimmer isoliertes Kind
Wenn eine Katze also in dieser Phase zwischen der neunten und zwölften Lebenswoche keinen Kontakt zu Artgenossen, dann können sie Johnson zufolge Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, beispielsweise Aggressivität gegen andere Katzen. „Sie lernen nicht, wie sie die Körpersprache anderer Katzen interpretieren müssen, wissen nicht, wie Katzen spielen und auch nicht, wann es Zeit ist, das Spiel zu stoppen“, erklärt die Verhaltensexpertin.
„Zum Vergleich kann man sich ein Kind vorstellen, das alleine in einem Raum aufwächst und dem man das Essen unter der Tür durchschiebt. Wenn man das Kind dann mit 18 Jahren an die Uni schickt, dann gibt es natürlich Probleme“, so Johnson weiter.
Damit Katzen diese Verhaltensweisen gar nicht erst bekommen, fordern Tierschützer, dass Katzen nicht mehr alleine in der Wohnung gehalten werden dürfen. „Jungtiere bis zu einem Jahr dürfen nicht einzeln gehalten werden. Und erwachsene Katzen dürfen nur dann einzeln gehalten werden, wenn nachweislich die Vergesellschaftung mit einer Partnerkatze nicht funktioniert“, fordert etwa „Aktions Tier“.
Viele Tierschutzvereine vermitteln Katzen nicht mehr alleine
Auch viele Tierschutzvereine vermitteln keine einzelnen Katzen. So auch die „Streunerhilfe Ni-No“. „Die Haltung einer einzelnen Katze bei voller Berufstätigkeit kommt einer Einzelhaft gleich“, erklären die Tierschützer die Maßnahme. „Man kann es deshalb nicht oft genug sagen und schreiben: Katzen sind keine Einzelgänger! Sie wurden vom Menschen dazu gemacht.“
Ein Gesetz, dass es verbietet, Katzen alleine zu halten, gibt es in Deutschland jedoch nicht.
Wer seiner Mieze mit einem Katzenkumpel verkuppeln möchte, muss aber einiges beachten: Nicht jede Katze akzeptiert andere Katzen. Sobald mehrere Katzen in einem Haushalt leben, braucht man auch mehr Rückzugsplätze, Fressplätze und Katzentoiletten.
Außerdem natürlich auch mehr Platz. „Bei der privaten Haltung von Katzen ohne Freigang ist pro Tier mindestens ein für diese Tierart nutzbarer Wohnraum zur Verfügung zu stellen“, rät beispielsweise die „Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz“.



