So manches Mal scheint es wie verhext – und die Kommunikation zwischen Mensch und Hund will einfach nicht klappen. Klar, es ist anstrengend, einen Welpen zu erziehen oder einen älteren Hund, der auffälliges oder schwieriges Verhalten zeigt. Oft liegt das Problem aber nicht oder zumindest nicht nur beim Vierbeiner, sondern vor allem am anderen Ende der Leine. Deshalb bedeutet es viel Arbeit, (wieder) ein gutes Team mit seinem Hund zu werden.
Wie toll wäre es da, das Problem einfach „outzusourcen“, den Hund einige Wochen ins Internat zu geben und ihn danach perfekt erzogen wieder abzuholen? Das klingt für so manchen verlockend. Aber kann das funktionieren? Wann ist ein Besuch im Hundeinternat sinnvoll – und wann nicht?
„Sicher ist: Ein Hundeinternat ist keine schnelle Lösung“, betont Brigitte Balzereit vom Hundeinternat Antonienwald in Wagenfeld, einer kleinen Gemeinde in Niedersachsen. Das Hundeinternat gibt es bereits seit 1947. Und seit mehr als 40 Jahren wird es von Brigitte Balzereit geleitet. Was sie in dieser Zeit beobachtet hat: „Es fällt den Hundebesitzern nicht leicht, ihren Hund mehrere Wochen am Stück wegzugeben.“
Es fällt Hundebesitzern nicht leicht, ihren Hund mehrere Wochen ins Internat zu schicken
Genau das unterscheidet nämlich ein Hundeinternat von einer Hundeschule. Denn im Gegensatz zur Hundeschule, verbindet ein Hundeinternat das Training mit einem stationären Aufenthalt. Heißt: Die Bellos sind für die komplette Dauer ihrer Ausbildung im Internat.
Wie lange das dauert, hängt ganz vom Ausbildungsziel und dem Grad der Ausbildung ab. Für das Grundprogramm sind die Hunde etwa vier bis sechs Wochen im Internat, für eine tiefergehende Ausbildung, zum Beispiel als Schulung in verschiedenen Alltagssituationen wie Reisen oder Einkaufen, sogar noch länger. Dabei reiche die Spanne von acht bis 14 Wochen.

Eine lange Zeit, in der die Hunde von ihrem Zuhause und ihrer Familie getrennt sind. Verlieren die Tiere da nicht die Bindung zu ihren Menschen? „Ich habe in meiner ganzen Zeit noch kein einziges Mal erlebt, dass ein Hund seine Besitzer nicht mehr erkannt hätte“, berichtet Brigitte Balzereit. Generell sei es immer wieder das Schönste, den Wiedersehensmoment zwischen Hund und Halter zu beobachten. „Da fließen bei den Menschen Freudentränen und die Vierbeiner sind außer sich vor Freude.“
Halter lernen am erzogenen Hund
Und für Herrchen und Frauchen fängt in dem Moment die Arbeit an. Denn den Hund einfach einpacken und dann direkt wieder fahren – das geht nicht. Die Übergabe sollte mehrere Tage dauern. Dann ist es nämlich an den Menschen, zu lernen. Die Trainer arbeiten alle Problempunkte ab, zeigen, wo Fehler lagen, welchen neuen Weg sie mit dem Hund gegangen sind und welches Verhalten sich die Menschen am anderen Ende der Leine angewöhnen müssen. „Wir müssen die Hundebesitzer oft entspannen und entschleunigen“, so Brigitte Balzereit.

Denn: Jeglicher Trainingserfolg wäre natürlich sehr schnell zunichte gemacht, wenn der Hund bei seiner Familie wieder in alte Muster zurückfällt. Dafür bedarf es aber auch die Arbeit der Halter. Denn die Hauptgründe dafür, dass diese ihre Tiere überhaupt ins Internat geben, sind Brigitte Balzereit zufolge Kommunikationsschwierigkeiten und Fehlinterpretationen des Hundeverhaltens.
„Manchmal haben sich Hund und Halter dann schon regelrecht hochgeschaukelt und arbeiten nur noch in einem Frustbereich“, so die Internatsleiterin. Dann könne es sinnvoll sein, die beiden für eine Zeit zu trennen. „Oft haben die Hunde schon eine Odyssee hinter sich, wenn sie zu uns kommen. Hatten mehrere Hundetrainer zuhause, haben Hundeschulen besucht.“
Bereits viele „Corona“-Hunde im Hundeinternat
Apropos Hundeschulen: In der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Hunden immens gestiegen. Viele Hundeschulen konnten aufgrund der Corona-Maßnahmen allerdings nicht wie gewohnt öffnen. Außerdem fürchten Tierschützer, dass einige Käufe impulsiv und ohne ausreichend Vorbereitung und Wissen über die Anforderungen eines Hundes getroffen worden sein dürften. Die mögliche Folge: Überforderte Halter, die ihre Hunde nicht angemessen sozialisieren und erziehen können.
So landen schon jetzt die ersten Corona-Hunde in den Tierheimen, einige sind aufgrund mangelnder Sozialisierung nur schwer vermittelbar. Auch bei Brigitte Balzereit und ihrem Team sind schon einige Hunde angekommen, die etwa kurz vorm Lockdown zu ihren Haltern kamen.
Geschlossene Hundeschulen und auch weniger Umgang mit anderen Hunden und Menschen haben ihre Spuren hinterlassen: „Es sind aktuell überwiegend Hunde bei uns, die nicht gut sozialisiert sind, die überfordert von Alltagsreizen sind und dann Angst bekommen oder die Flucht nach vorne antreten. Das ist definitiv ein Problem.“ Aber, da ist sich Brigitte Balzereit sicher, ein lösbares.

„Junge Hunde stellen sich sehr schnell um, wenn sie Sicherheit erfahren und verstanden werden.“ Damit sich die „Internatsschüler“ nicht nur an eine Person gewöhnen, haben sie zwar ihren festen Trainer, wechseln im späteren Verlauf der Ausbildung aber auch durch und lernen andere Trainer und Hunde kennen.
Ein Hundeinternat kann viel bewirken – aber ist kein Hogwarts
Eine magische Lösung sind Hundeinternate nicht – aber für viele vielleicht der letzte Versuch, mit ihren Hunden ein eingespieltes Team zu werden und die Vierbeiner für den gemeinsamen Alltag fit zu machen.
Umso wichtiger ist es, die Entscheidung sorgfältig zu treffen und auch ein geeignetes Internat zu suchen. Worauf dabei zu achten ist, verrät Hundetrainerin Eva Lauderback gegenüber dem Magazin „Dogster“:
- Hund lernt verschiedene Trainer kennen, um nicht nur auf eine Person zu hören
- ausreichende Übergabe, bei der auch die Hundehalter lernen, richtig mit ihren erzogenen Hunden umzugehen
- Trainer sind ansprechbar für Fragen und Tipps, auch über den Aufenthalt hinaus
Außerdem sollten Hunde nicht zu jung ins Internat kommen. Wenige Wochen alte Welpen nimmt das Hundeinternat Antonienwald etwa nicht auf. Denn in den frühen, prägenden Wochen der Tiere eine Bindung aufzubauen, sei die Aufgabe der Halter. Wer seinen Hund deshalb mit zwölf Wochen schon abgeben möchte, kommt nicht weit. „Wir nehmen Hunde frühestens ab dem sechsten bis siebten Lebensmonat, meistens in der Pubertät zwischen neun und zwölf Monaten.“
Letztendlich müssen sich Herrchen und Frauchen auch klar sein, dass Lernen auch für Hunde ein lebenslanger Prozess ist. Damit beide Enden der Leine von dem Internatsaufenthalt profitieren, müssen auch die Besitzer das Erlernte konsequent umsetzen – und Zeit und Arbeit in die Beziehung zu ihren Vierbeinern investieren.



