In deutschen Tierarztpraxen wird das Personal knapp. Besonders im ländlichen Raum fehlen Veterinäre, trotz wachsender Nachfrage, insbesondere im Kleintierbereich. Tierarzt Matthias Link aus Niedersachsen reagierte auf den Personalmangel mit einem ungewöhnlichen Schritt: Er stellte zwei Kollegen aus dem Iran ein.
Ein Beispiel, das Schule machen könnte, denn: Die Lage ist ernst, auch mit Blick auf die Zukunft der tiermedizinischen Versorgung. Immer wieder müssen Praxen schließen, weil sie kein Personal finden können. Die verbleibenden Tierärzte sind dadurch zunehmend überlastet.
Tierärztlicher Nachwuchs gesucht
Matthias Link, Tierarzt in Varrel bei Kirchdorf in Niedersachsen, suchte monatelang vergeblich nach Verstärkung für sein Praxisteam, berichtet die „SZ“. Erst mit der gezielten Anwerbung im Ausland wurde er fündig. Seit 2024 arbeiten die iranischen Tierärzte Asal Ilkhani Zadeh und Mohammad Ranjbar an seiner Seite. Zadeh, die aus der Millionenstadt Teheran stammt, behandelt in der Kleintierpraxis, während Ranjbar sich um Nutztiere auf Bauernhöfen kümmert.

Für beide war der Start in Deutschland aber nicht ohne Hürden. Trotz Sprachkurs gab zu Beginn immer wieder sprachliche Barrieren. Doch fachlich fühlten sie sich schnell sicher. Ranjbar lernte typische Begriffe direkt im Stall von norddeutschen Landwirten. Beide loben die freundliche Aufnahme in der Region und genießen die Ruhe auf dem Land.
Mehr als 3.000 Praxisinhaber gehen bald in Rente
Die Probleme der Tierarztpraxen sind nicht neu, aber inzwischen spürbarer denn je: Während der Haustierbestand in Deutschland weiter wächst, gehen immer mehr Tierärzte in den Ruhestand. Laut Prognosen scheiden in den kommenden zehn Jahren rund 3.000 Praxisinhaber altersbedingt aus. Gleichzeitig bleibt die Zahl der Studienplätze in der Tiermedizin konstant, obwohl die Arbeitsbelastung für Praxisinhaber hoch ist.
Die Bundestierärztekammer hat kürzlich die Tierärztestatistik 2024 veröffentlicht. Darin zeichnet sich vor allem ein Trend ab: Während es insgesamt mehr Praktizierende und Angestellte gibt, sinkt die Zahl der selbstständigen Tierärztinnen und Tierärzte. Gleichzeitig gebe es viel Nachwuchs – der zu 66 % weiblich und hauptsächlich unter 30 ist.
Was erstmal vielversprechend klingt, wird dadurch geschmälert, dass sich die tierärztliche Versorgung regional oft unterscheidet. In manchen Regionen sinkt die Zahl der Tierarztpraxen. Zudem sind mittlerweile 18 % der Tierärztinnen und Tierärzte im Ausland tätig. „Das macht deutlich, wie wichtig es ist, die Arbeitsbedingungen in Deutschland kritisch zu hinterfragen und gezielt zu verbessern, um die Attraktivität des Berufs langfristig zu sichern“, teilt die Bundestierärztekammer mit.
Matthias Link kennt das Dilemma aus eigener Erfahrung. Der 61-Jährige betreibt seine Praxis seit fast drei Jahrzehnten und arbeitet 50 bis 60 Stunden pro Woche. Doch auf ausgeschriebene Stellen reagiert kaum noch jemand. Auch deshalb hält er die gezielte Integration ausländischer Fachkräfte für unverzichtbar. Das ist allerdings mit einigen rechtlichen Hürden verbunden.
Anerkennungsverfahren dauert zu lange – Ministerin fordert Änderungen
Um die Einbindung ausländischer Tierärzte zu erleichtern, fordert Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte schnellere Anerkennungsverfahren. Im Bundesrat wurde das Thema allerdings zuletzt vertagt. Staudte schlägt vor, eine sogenannte Kenntnisprüfung einzuführen, besonders bei Geflüchteten, deren Ausbildungsnachweise nicht lückenlos dokumentiert sind.
In Niedersachsen liegt der Ausländeranteil bei Tierärzten laut Kammerangaben derzeit bei 4,8 Prozent. 2023 wurden 22 Approbationsanträge aus Drittstaaten gestellt, vor allem aus der Ukraine, dem Iran und der Türkei. Das zeigt: Das Interesse an einer Tätigkeit in Deutschland ist vorhanden. Doch bürokratische Hürden bremsen die Integration teils erheblich.
Mehr Arbeit, weniger Zeit – tierärztliche Versorgung unter Druck
Die Nachfrage nach tiermedizinischer Betreuung steigt währenddessen, nicht nur auf dem Land. Insbesondere im Kleintierbereich verlangen Tierhalter heute deutlich mehr als früher. Die medizinischen Möglichkeiten haben sich verbessert, ebenso wie die Zahlungsbereitschaft vieler Halter.
Link hat in den vergangenen Jahren Fachkräfte aus mehreren Ländern eingestellt, darunter Bulgarien, Polen und Guinea-Bissau. Viele davon haben sich inzwischen selbstständig gemacht. Für ihn ist klar: Die sprachliche Integration ist das A und O. 80 Prozent des Berufs sei Kommunikation, schließlich bestehe der Job aus dem Austausch mit Menschen.
Ob in der Nutztierpraxis oder im Haustierbereich: Der Mangel an Tierärzten ist real – und wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Beispiele wie das von Matthias Link zeigen ganz klar: Integration funktioniert – wenn sie unterstützt wird.




