Ein Pferdekauf ist immer eine wundervolle Sache – zumindest in der Theorie. Schließlich stößt ein neues Familienmitglied dazu und man sucht nach einem passenden Sport- und Freizeitpartner für sich selbst. In der Praxis kann so ein Pferdekauf allerdings auch schnell in einem leichten bis mittelschweren Desaster enden.
Mein erstes Pferd haben meine Eltern mir gekauft – es war ein aus dem Maß gewachsenes Pony, ein Welsh Cob/Connemara-Mix. Ein wundervoller Wallach, der auf den passenden Namen Mr. Nice Guy hörte. Beim Probereiten wurden wir angeflunkert, allerdings wissentlich und um mir nicht die Chance auf mein Traumpony zu verhageln.
„Kleine Notlüge“ führt zum Traumpferd
Meine Eltern wollten nämlich kein junges Pferd, weil ich damals erst zehn Jahre alt war. Stattdessen wollten sie einen ruhigen, verlässlichen, älteren Sicherheitspanzer an meiner Seite. Dieser stand nun genau in jenem Stall, war allerdings eben nicht mindestens acht Jahre alt, wie gewünscht, sondern vier. Meine Reitlehrerin wusste darüber Bescheid, verschwieg es uns jedoch gemeinsam mit dem Verkäufer. Hätte sie das nicht getan, hätte ich ihn nie ausprobieren dürfen und wir hätten nicht unseren Freund fürs Leben gefunden, der nicht nur mir, sondern später auch meiner Schwester den Weg in den Reitsport ermöglicht und uns unzählige tolle Erinnerungen verschafft hat.

Die „kleine Notlüge“ wurde übrigens bereits nach dem ersten Probereiten aufgedeckt und genauso begründet. Es war also zu verzeihen, denn wir wurden ansonsten über alles aufgeklärt und waren unheimlich glücklich mit der Entscheidung.
Wenn der Verkäufer mehrgleisig fährt
Meinen Umstieg aufs Großpferd finanzierten ebenfalls meine Eltern, unter der Voraussetzung, dass meine Schwester Mr. Nice Guy übernehmen würde. Gesagt, getan, ich probierte eine Stute aus – und war hin und weg. Was ich allerdings nicht wusste: Parallel zu mir probierten aus dem gleichen Stall zwei weitere Mädchen das Pferd aus und uns allen wurde nichts von den jeweils anderen erzählt, mit allen wurden Verkaufsgespräche geführt.
Wir waren die ersten, die sagten, dass wir das Pferd kaufen wollten. Trotz dieser Zusage ritten die anderen Mädchen, während ich nicht da war, weiterhin das Pferd, bis zur Ankaufsuntersuchung – das fand ich erst im Nachhinein heraus. Bei der Ankaufsuntersuchung konnte leider niemand von uns zugegen sein. Außerdem vertrauten wir meinem damaligen Reitlehrer blind. Am Ende hatten wir eine Ankaufsuntersuchung ohne Befund und unterschrieben den Vertrag.
Fehler bei der Ankaufsuntersuchung
Ein halbes Jahr später fanden wir heraus, dass bei der Ankaufsuntersuchung ein paar Dinge wohl übersehen worden seien, die sogar ich als Laie auf den Bildern erkennen konnte – also an dieser Stelle ein großer Lerneffekt, denn ich war noch ein Teenager und komme eben nicht aus einer Reiterfamilie.
Danach lernte ich viel über den Reitsport und die Protagonisten, bin jedoch trotzdem noch auf die Nase gefallen. So zum Beispiel mit dem nächsten Pferdekauf: mein erstes Pferd, welches ich selbst gekauft habe. Eigentlich war das Pferd nicht für mich gedacht, sondern für einen damaligen Freund und ursprünglich wollten wir auch ein anderes Pferd ausprobieren.
Das besagte Pferd hatte jedoch plötzlich eine Verletzung am Zahn und konnte uns nicht einmal gezeigt werden, dafür aber ein Schimmelwallach. Dieser sprang beim Freispringen grandios, allerdings etwas angespannt. Er war erst acht Wochen unter dem Sattel und kam damit quasi frisch von der Wiese. Unter dem Reiter sei er noch keinen Parcours gesprungen teilte man uns mit, als ich fragte, ob ich ihn über ein paar Sprünge reiten könnte.
Naivität wird oft ausgenutzt
Naiv, wie ich damals halt war, besprachen wir, dass wir die ersten Sprünge ganz in Ruhe daheim mit einem Reitlehrer angehen wollen würden. Wir machten eine Ankaufsuntersuchung und kauften ihn. Als das erste Mal Stangen in der Halle lagen, ging das Pferd keinen Schritt an sie heran und stieg. Bis er zuverlässig einen Parcours sprang vergingen trotz professioneller Hilfe zwei Jahre.

Durch Zufall fand ich bei YouTube sein Verkaufsvideo, welches damals, in der uns bekannten Verkaufsanzeige, fehlte. Auf dem Video war eben dieses Pferd zu sehen, wie es diverse Sprünge mit Reiter überwand. Man muss also kein Prophet sein, um eins und eins zusammenzuzählen und zu erkennen, warum dieses Pferd nicht sprang. Vermutlich hatte es einen Unfall oder hatte schlechte Erfahrungen gemacht. Denn anders ist nicht zu verstehen, wieso uns der Wallach als „noch nie unter dem Sattel gesprungen“ verkauft wurde, obwohl dies augenscheinlich nicht der Fall war.
Es wäre schön gewesen, wenn wir damals erfahren hätten, dass er eine traumatisierende Erfahrung machen musste. Das wäre nicht unbedingt ein K.–o.–Kriterium gewesen, aber wir hätten gewusst, auf was wir uns einlassen. Zwei Jahre später kaufte ich ihn übrigens meinem damaligen Freund ab, trotz all der Schwierigkeiten.
…aber manchmal läuft auch alles reibungslos
Ein paar Jahre später folgte der Kauf zweier Fohlen – in dem Jahr wurde auch mein erstes selbstgezogenes Fohlen geboren – und das lief alles reibungslos und bis heute besteht noch ein toller Kontakt zu den Züchtern.
Im gleichen Jahr kaufte ich ein weiteres Reitpferd, da ich mich von den Turnieren mit dem Wallach verabschieden musste, weil er über all die Jahre leider nie den Mut und die Nerven für die Turnierwelt bekam. Diese Stute probierte ich ebenfalls zweimal aus. Sie wurde mir als „aktuell wieder im Aufbau“ verkauft, was sich leider im Nachhinein als falsch rausstellen sollte.
Ich bin ehrlich: Hätte ich alle Einzelheiten im Vorhinein gekannt, hätte ich das Pferd vermutlich nicht gekauft, denn es kamen zu viele Baustellen auf einmal zusammen. So kaufte ich ein Pferd, von dem ich dachte, dass es nach ein paar Monaten kompletter Pause wieder langsam angeschoben worden wäre und dass wir nur Routine bräuchten. Am Ende hat der Prozess deutlich länger gedauert und statt Springunterricht nahm ich erstmal ganz lange Dressurunterricht bei einer Dressurrichterin.

Außerdem wurde ich mehrmals vom ehemaligen Besitzer kontaktiert, warum ich keine Turniere reiten würde, das Pferd wäre schließlich grandios ausgebildet. Ebenso kontaktierten mich viele junge Mädels, die mir mitteilten, dass sie das Pferd auch mal geritten seien, weil sie wohl im Schulunterricht lief. Auch das war spannend zu lesen und erklärte im Nachhinein sehr viel.
Expertin: Diese Geschichten sind keine Einzelfälle
Was möchte ich mit all diesen Geschichten bezwecken? Möchte ich jemanden durch den Dreck ziehen? Nein, das möchte ich nicht. Nur: meine Geschichten sind keine Einzelfälle. Ich höre diverse solcher Berichte aus allen Ecken, spartenübergreifend.
Ich bin unendlich glücklich mit all diesen Pferden. 2019 und 2020 kamen weitere Fohlen von mir auf die Welt, von denen eines immer noch in meinem Besitz ist. Fast alle, der oben genannten Pferde, sind noch bei mir, denn trotz dieser Kaufgeschichten sind sie für mich etwas Besonderes. Genau dort liegt aber das Problem, denn die Pferdewelt ist oftmals unehrlich und vermeintliche Fehler werden fälschlicherweise als „Prädikat unverkäuflich“ abgestempelt.
Ich persönlich kann mit ganz vielen Fehlern leben, unabhängig ihres Ursprungs. Egal, ob Schönheitsfehler, gesundheitliche Aspekte oder Fehler, die im Training passiert sind: Wenn ich weiß, worauf ich mich einlasse, kann ich doch viel eher sagen, ob das Pferd zu mir passt. Außerdem erweckt es bei mir eher Vertrauen, wenn mir jemand offen und ehrlich die Vorzüge, aber eben auch die Nachteile mitteilt.

Den Wallach hätten wir beispielsweise trotzdem gekauft, wären das Training aber ganz anders angegangen und hätten eigene Fehler so nicht gemacht. Bei dem Pferd mit der falschen Ankaufsuntersuchung hätte ich eine Zweit- und auch eine Drittmeinung eingefordert und mich dann erst entschieden. Bei dem letzten Pferd hätte ich ganz klar abgewogen, ob ich der Sache reiterlich gewachsen bin.
Diese drei Verhaltensweisen der drei verschiedenen Verkäufer führten bei mir vor allem zu einem: nämlich massivem Misstrauen gegenüber Pferdeverkäufern. Egal, ob es sich dabei um private oder gewerbliche Verkäufe handelt. Und: Ich habe für mich entschieden, dass ich aller Voraussicht nach nie wieder ein erwachsenes Pferd kaufen werden, sondern nur noch Pferde züchten oder sie eben als maximal zweijährige Pferde kaufen werde, damit ich von vornherein weiß, was diese Pferde erleben.
Mehr Transparenz wäre wünschenswert
Es wäre wirklich wünschenswert, dass der Pferdehandel transparenter würde. Vielleicht verkauft man die Pferde dann nicht alle ganz so teuer, wie aktuell – jedoch wäre der Markt so für alle Menschen ein deutlich angenehmerer Ort und Pferd und Reiter würden sich viel besser finden. Gewisse Beeinträchtigungen sind nämlich gar nicht immer so schlimm wie viele Verkäufer sie machen.
Natürlich wünscht man sich das perfekte Pferd – doch jeder, der realistisch in der Pferdewelt unterwegs ist, weiß, dass jedes Pferd irgendein kleines Manko hat. Das ist völlig normal und auch in Ordnung! Nur mit genau diesen negativen Aspekten sollte fair und offen umgegangen werden, das erspart allen im Nachhinein viel Leid und auch Ärger. Denn dann wird aus dem Pferdekauf schnell ein Albtraum, der vermeidbar hätte sein können. Und dabei soll er doch eigentlich eine der schönsten Dinge auf der Welt im Leben eines Pferdemenschens sein.
Mehr dazu im Podcast
Du willst mehr über Harriets Erfahrungen mit dem Pferdekauf wissen? In dieser Podcast-Folge von „Pet-Talks: Pferd“ geht es genau darum. Hör‘ direkt rein:
Du kannst den Podcast auch natürlich auf Apple Podcasts, Spotify und Deezer hören.



