Artenschutz geht uns alle an: Ein Interview mit Robert Kless (Internationaler Tierschutz-Fonds)

Robert Kless (IFAW)

Robert Kless studierte Geografie an der Universität Marburg und setzte sich schon früh für die Natur und damit auch den Artenschutz ein – während seines Studiums unterstützte er zum Beispiel Greenpeace.

Danach arbeitete er unter anderem für den Naturschutzbund Deutschland (NABU) und andere Naturschutzorganisationen. Heute ist der 46jährige Kampagnenleiter des Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW).

Auf nationaler und internationaler Ebene widmet er sich dem Schutz von Wildtieren vor kommerzieller Ausbeutung und Lebensraumverlust. Dabei beschäftigt er sich auch mit dem Onlinehandel – ein wichtiges Thema für Deine-Tierwelt.de.

 Herr Kless, warum ist Artenschutz so wichtig?

Eine intakte Natur und ein intaktes Ökosystem sind auch für uns Menschen die wichtigsten Lebensgrundlagen. Für ein gesundes Ökosystem ist es unabdingbar, dass die Artenvielfalt erhalten bleibt. Denn alle Lebewesen sind voneinander abhängig und alle Vorgänge greifen in der Natur ineinander. Deshalb trägt bei diesem Thema jeder eine Verantwortung und der Artenschutz geht uns alle an. Meiner Meinung nach hat außerdem jedes Tier von sich aus – also alleine durch seine Existenz – einen Wert und ist aus diesem Grund bereits schutzwürdig.

Vor welchen Problemen steht der Artenschutz?

Der Zoll findet immer wieder geschützte Tiere oder Erzeugnisse aus ihnen im Gepäck von Reisenden. © IFAW/ S. Ganusevich

Eines der größten Probleme sind häufig zu schwache Gesetze, die nicht alle bedrohten Tiere ausreichend schützen. Auch die geringen Strafen sind ein Problem. Der illegale Handel mit geschützten Arten ist ein millionenschwerer Markt, aber Verstöße gegen bestehende Gesetze werden dennoch unzureichend geahndet. Der verhältnismäßig hohe Profit bei geringem Risiko bestraft zu werden, macht den illegalen Handel mit geschützten Arten so attraktiv. Die Strafen sind einfach nicht abschreckend genug. Zudem bleiben viele Fälle unentdeckt, obwohl immer noch im großen Umfang geschützte Tiere nach Deutschland importiert werden. Der Zoll schätzt, dass er gerade mal etwa zehn Prozent des illegalen Handels mit geschützten Tieren aufdecken kann.

Das liegt unter anderem an der zum Teil fehlenden Expertise und dem Kapazitätsmangel der Vollzugsbehörden. Die Beamten können oft gar nicht eindeutig sagen, ob es sich um geschützte Arten handelt oder nicht. Manchmal sind es nur einzelne Unterarten, die geschützt sind – die müssen dann aber auch erkannt werden. Gleiches gilt für den Onlinehandel. Da ist es insbesondere schwer zu beurteilen, ob die angebotenen Tiere wirklich rechtmäßig gehalten und verkauft werden. Hier können sich uninformierte Käufer versehentlich strafbar machen.

Aber stellt nicht gerade die Unübersichtlichkeit des Themas ein großes Problem bei der Aufklärung der Käufer dar?

Es handelt sich eben um eine komplexe und komplizierte Thematik. Die Vielfalt der geschützten Arten, die gehandelt werden, ist unheimlich groß und selbst bei offiziellen Stellen fehlt teilweise die Expertise, die angebotenen Tiere eindeutig zu bestimmen. Wären weniger Arten auf dem Markt erhältlich, würden viele Fragen wahrscheinlich gar nicht auftauchen. Präventive Maßnahmen wie die Aufklärung sind deshalb besonders wichtig. Gerade Internetnutzer können in manchen Fällen schon mit wenigen Klicks geschützte und exotische Tiere kaufen – für sie muss es Hinweise zu den rechtlichen Anforderungen und den Haltungsbedingungen geben.

Die Leute wissen also teilweise gar nicht, wie sie die Tiere versorgen müssen?

Aufklärung in Sachen Artenschutz ist in allen Bereichen wichtig. © IFAW/R. Kless

Ja, an den überfüllten Tierheimen und Auffangstationen sieht man, dass es immer noch zu viele Halter gibt, die mit der Haltung der Tiere überfordert sind und sie dann abgeben müssen. Viele dieser exotischen Tiere haben ganz besondere Haltungsanforderungen. Sie kommen ja auch aus ganz anderen Klimaregionen. Die Haltung ist deshalb teilweise mit einem enormen Aufwand verbunden und dem sind nicht alle Tierhalter gewachsen. Diese Gefahr ist besonders bei Spontankäufen groß, bei denen die Käufer sich vorher meistens nicht ausreichend informiert haben.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um solchen Problemen entgegen zu wirken?

Eine Möglichkeit wäre die Einführung eines verpflichtenden Sachkundenachweises für Tierhalter, damit sichergestellt ist, dass der Halter a) über die nötigen Kenntnisse bezüglich des Tieres, seiner Bedürfnisse und den Haltungsbedingungen verfügt und b) diese Haltungsbedingungen auch erfüllen kann, also zum Beispiel eine geeignete Unterbringung für das Tier vorhanden ist. Da ich gerade im Onlinehandel die Gefahr von Spontankäufen sehe, ist es hier besonders wichtig, dass die Leute aufgeklärt werden. Sie müssen sich unter anderem darüber im Klaren sein, dass man für das ganze Leben des Tieres eine Verantwortung trägt.

Und welche Maßnahmen werden von offiziellen Stellen ergriffen um gefährdete Arten zu schützen?

Seit 1973 ist zum Beispiel das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) ein wesentliches Instrument um Tierarten, die vornehmlich aufgrund des Handels bedroht sind, vor der Ausrottung zu schützen. Die internationale Staatengemeinschaft erkannte damals die Problematik und sah dringenden Handlungsbedarf.

Finden Sie da könnte mehr von der Politik kommen?

Dank des Artenschutzes kehrt der Wolf langsam zurück.
© IFAW / A. Kasprzak

Ja, es könnte definitiv mehr gemacht werden. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen bezieht sich ja nur auf den internationalen, nicht auf den inländischen Handel. Nationale Schutzmaßnahmen sind also ebenso wichtig. Außerdem greift das Übereinkommen eigentlich erst dann, wenn es schon zu spät ist. Die Tiere sind dann bereits gefährdet. Als international verbindliches Instrument ist es aber dennoch relativ wirksam.

Aber Sie sehen noch andere Möglichkeiten zum Schutz gefährdeter Arten?

Sicher, die Politik könnte sich zum Beispiel um ein Import-Verbot von Wildfängen in die EU und einheitliche Bedingungen für das Halten exotischer Haustiere kümmern. Außerdem würde ich eine Positiv-Liste begrüßen, auf der die Tierarten aufgeführt sind, die nach bestimmten Kriterien gehalten werden dürfen – ohne dass Gefahren für Tiere oder Menschen entstehen. Gut ist, dass das BfN (Bundesamt für Naturschutz) auch die Problematiken hinsichtlich des Onlinehandels mit geschützten Tieren erkannt hat. Es setzt sich deshalb dafür ein, dass entsprechende Maßnahmen ergriffen werden, um die bestehende Situation zu verbessern.

Und was tut der IFAW für den Artenschutz?

© IFAW/F. Dott

Der IFAW setzt sich sowohl für den Schutz einzelner Tiere als auch für den Schutz ganzer Populationen und der Erhaltung ihrer Lebensräume ein. Meine eigene Tätigkeit als Kampagnenleiter bezieht sich dabei vor allem auf die Bekämpfung des illegalen Wildtierhandels. In den letzten Jahren spielt auch der Onlinehandel eine zunehmende Rolle. Letztendlich setzt sich der Internationale Tierschutz-Fonds dafür ein, dass der umfangreiche Handel mit geschützten Arten reduziert und der illegale Handel unterbunden wird.

Arbeitet der IFAW diesbezüglich auch mit anderen Institutionen zusammen?

Ja, wir arbeiten zum Beispiel sehr eng mit dem Bundesamt für Naturschutz zusammen. Erst in diesem Frühjahr haben wir gemeinsam einen Workshop in Bonn initiiert, um die Problematik des Onlinehandels mit geschützten und bedrohten Tierarten zu diskutieren und gemeinsam mit den Betreibern verschiedener Plattformen nach Lösungen zu suchen.

Gibt es bei all den Maßnahmen denn auch Erfolge für den Artenschutz zu verzeichnen?

Ja! Die Artenschutzpolitik der EU und von Deutschland zeigt zum Beispiel ganz klare Erfolge bei der Rückkehr des Wolfes. Seit den 1990er Jahren steht der Wolf in ganz Deutschland unter strengem Schutz und kehrt seitdem auch zurück – von sich aus. Auch die Bestände der Seeadler, Uhus und Kraniche nehmen durch die Maßnahmen des Artenschutzes wieder zu. Es gibt aber immer noch viel zu tun.

Was möchten Sie in Zukunft für den Artenschutz erreichen?

Es werden immer noch zahlreiche Elefanten für Elfenbein getötet. © IFAW/F. Onyango

Vor dem Hintergrund der aktuell eskalierenden Situation der Elefantenwilderei, ist das Durchsetzen eines generellen Handelsverbotes mit Elfenbein besonders wichtig. Durchschnittlich wird alle 15 Minuten ein Elefant für das „weiße Gold“ getötet. Es gibt noch ungefähr 500.000 Elefanten – wenn das so weitergeht, wird der Afrikanische Elefant in ca. 15 Jahren vollständig verschwunden sein.

Zum Abschluss: Sie haben gesagt, dass Artenschutz uns alle angeht. Was können denn Privatpersonen tun, wenn sie sich für den Artenschutz engagieren wollen?

Natürlich gibt es immer Möglichkeiten Organisationen durch ehrenamtliche Mitarbeit oder Spenden zu unterstützen. Wichtig ist aber auch, sich selbst über die rechtlichen Vorgaben und Haltungsbedingungen zu informieren. Die Informationen sollten ebenso an Freunde, Bekannte und Verwandte weitergeben werden, wenn zum Beispiel erwägt wird ein Tier zu kaufen. Dazu gehört für mich auch, sich klar zu machen, dass man Tiere nur kaufen sollte, wenn diese nicht durch Handel, Kauf und Haltung leiden oder gar ausgerottet werden.


Ihr wollt mehr über den Artenschutz erfahren? Deine-Tierwelt.de informiert über das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, CITES/EG Papiere und Artenschutz im Urlaub. Weiterführende Informationen finden Sie außerdem hier und natürlich beim IFAW und dem Bundesamt für Naturschutz (BfN).


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