In vielen Sportarten ist es längst selbstverständlich, dass nicht nur physisch, sondern auch psychisch trainiert werden muss, um das Gesamtkonzept eines Athleten wirklich abzurunden – diese Wichtigkeit der mentalen Stärke ist mittlerweile auch im Reitsport angekommen. Eigentlich seltsam, dass der Reitsport so lange gebraucht hat. Denn gerade in einer so emotionalen Sportart sind ein starker Kopf und Geist von immenser Bedeutung.
Es gibt so viele Momente, in denen Reiter an sich oder eventuell auch an den Pferden, ihrem Training oder diversen anderen Aspekten zweifeln. Natürlich ist gesunder Realismus wichtig, um im Zweifel justieren zu können, jedoch kann zu viel Grübelei eher schädlich sein. Vor allem im Reitsport muss man sich ein dickes Fell zulegen, weil es kaum eine Sportart gibt, in der jeder „den goldenen Weg“ gefunden hat, um sich um sein Pferd zu kümmern und es zu trainieren. Blicke über den Tellerrand gibt es – zumindest fühlt es sich so an – eher selten. Dabei könnten wir voneinander viel lernen.
Warum mentale Stärke im Reitsport so wichtig ist
Unabhängig von einem dicken Fell ist die mentale Stärke im Reitsport wichtig. Reitet man beispielsweise einen Sprung mit dem Gedanken an, dass man ihn eh nicht überwinden kann, dann passiert meist genau das: Man schafft es nicht, trifft die Distanz nicht oder das Pferd verweigert. Nicht umsonst gibt es den Spruch „Gewinnen beginnt im Kopf“.

Ganz einfache Worte, die sehr schwer umzusetzen sind. Vor allem auf Turnieren zeigt sich schnell, wer mental ein wenig mehr Unterstützung brauchen könnte, denn sogar auf heimischem Terrain selbstbewusste Reiter können in Prüfungssituationen plötzlich anders entscheiden, als sie es mit klarem Kopf tun würden. Das ist kein Versagen im sportlichen Sinne, vielmehr muss man sich mental besser aufstellen.
Mental Coaches können Reitern schon durch kleine Veränderungen helfen
Mittlerweile gibt auch im Reitsport viele Mental Coaches, die ihren Schützlingen im Profi- und Amateursport unter die Arme greifen. Manchmal ist die Veränderung nur eine ganz kleine, auf den ersten Blick unscheinbare, die jedoch einen großen Einfluss auf die Pferd-Reiter-Beziehung hat, weil sich die Stimmung des Reiters unweigerlich auf das Pferd überträgt.
Ist man auf dem Pferderücken gestresst, ist es das Pferd meist auch, weil es die Situation nicht einordnen kann. Aufgrund der Erwartungshaltung unserer Leistungsgesellschaft ist es jedoch nicht ganz einfach, immer einen klaren Kopf zu bewahren. Wir werden eigentlich darauf gepolt, immer besser zu sein als andere, dadurch wird von Grund auf die Angst vorm Versagen geschürt.
Der Druck im Reitsport kann die Leichtigkeit nehmen
These: Alle Reiter haben aus Spaß am Reiten und dem Umgang mit Pferden mit dem Reitsport angefangen. Im Vordergrund stand vermutlich meistens die Verbindung zum Pferd. Die Verbindung zum Pferd kann man jedoch nicht krampfhaft erreichen, ebenso wenig kann man auf Krampf gewinnen.
Einem Sieg geht – meistens – konstant gutes Reiten voraus, welches einem dann im Nachhinein Erfolge in Prüfungen beschert.

Vor allem der Reitsport birgt, nicht zuletzt aufgrund des hohen finanziellen Aufwands und der Emotionalität des Sports mit einem Lebewesen, viele potentielle Stresssituationen. Das vermutlich größte Problem liegt darin begründet, dass zu oft zu viel zu schnell gewollt wird. So wird unablässlich Druck aufgebaut.
Vor allem der Druck auf junge Reiter ist in der heutigen Zeit enorm groß, ebenso der Druck auf junge Pferde: Es soll ganz schnell viel erreicht werden, um entweder dem Namen Ehre zu machen oder im Falle der Pferde zu einem lukrativen Verkauf zu führen.
Dabei geht vor allem eine Sache verloren: die Leichtigkeit. Leichtigkeit wiederum ist die Voraussetzung für konstante Leistung, da sind sich vermutlich alle einig. Gerade, wenn mehrere ambitionierte Akteure aufeinandertreffen, also zum Beispiel Reiter, Trainer, Eltern und Pferdebesitzer, hilft ein Mentaltrainer als unbeteiligtes und vor allem unemotionales Korrektiv, um Fehlerquellen zu finden, zu benennen und im Idealfall auszulöschen.
Die Zusammenarbeit mit dem Pferd sollte im Fokus stehen
Am Ende ist vor allem eine Sache wichtig – nämlich die Freude und faire Zusammenarbeit mit dem Pferd. Denn ohne die Pferde gäbe es keine Reiter. Selbst in den Momenten, in denen etwas schiefläuft, muss man sich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen und sich darüber bewusst werden, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, ein Teil dieses Sports zu sein.

Gerade die Entwicklung der Pferde, selbst die kleinsten Fortschritte, sollten bewusst wahrgenommen und gefeiert werden. Selbst kleine Schritte vorwärts sind Schritte in die richtige Richtung, wir sind alle, da kann man die Pferde getrost mit einschließen, Individuen und lernen auf unsere eigene Art in unserem ganz persönlichen Tempo.
Vor allem Amateursportler, die verbissen auf ihre Ziele hin arbeiten, sollten manchmal einen kleinen Schritt zurücktreten und sich noch einmal ganz bewusst machen, dass der Reitsport eben nicht alles im Leben ist.
Für Pferdemenschen sind Pferde natürlich ein ganz wichtiger Bestandteil, jedoch sind sie eben nicht Mittelpunkt der gesamten persönlichen Existenz. Nimmt man das noch einmal wahr, so hat man oftmals wieder mehr Freude mit seinen Pferden und dem Reitsport im Großen und Ganzen.
Freuen wir uns regelmäßig und aufrichtig für andere, ist die Welt für uns alle ein schönerer Ort.
Schlussendlich ist die Freude am Sport besonders wichtig für einen gesunden, entspannten Umgang mit Niederlagen oder Durststrecken. Dabei sollte man sich übrigens auch von Neid, Frust und Konkurrenzkampf distanzieren, denn auch hier geht die Welt nicht unter, wenn jemand anderes siegt. Anderen den Erfolg zu gönnen schadet nämlich nicht, die Pferde und den Sport ganz bodenständig und bescheiden zu genießen sollte sich jeder Reiter auf die Fahne schreiben.
Denn freuen wir uns regelmäßig und aufrichtig für andere, ist die Welt für uns alle ein schönerer Ort. Für die, denen man die Erfolge gönnt, aber auch für einen selbst – denn wer ständig nur neidvolle, negative Gedanken pflegt, muss in erster Linie selbst mit eben diesen Gedanken leben.
Mehr dazu im Podcast
Welche Erfahrungen sie selbst mit Selbstzweifeln im Sattel gemacht hat und wie sie mentale Stärke aufgebaut hat, das verrät pferde.de-Expertin Harriet Jensen in dieser Folge von „Pet-Talks: Pferd“.
Jetzt direkt reinhören:
Du kannst den Podcast auch natürlich auf Apple Podcasts, Spotify und Deezer hören.



